Wie sich das für einen anständigen Cineasten gehört, habe ich in Woche 1 nach Abgabe meiner Magisterarbeit neben den bürokratischen Verpflichtungen dieser Welt einfach mal wieder eine geballte Ladung Filme anschauen müssen. Da der Streß noch nicht ganz abgefallen ist, war die cineastische Stunde für DVDs, Fernsehausstrahlungen und einen Kinobesuch meist erst spät nachts gekommen. Aber kann es bessere Gutenachtgeschichten geben als filmische?
Hier Kurzbesprechungen zu meinen Neu-Sichtungen:
Ich bin SamDie Storyline vom autistischen Vater, der um das Sorgerecht für seine Tochter kämpft, könnte jedem billigen "TV-Movie" entstammen - egal ob aus deutschen Landen (dann wohl mit Veronica Ferres) oder als US-Produktion (in diesem Falle wahrscheinlich mit einem Großteil des noch lebenden Casts von
Dallas). Die Umsetzung erfolgt hier aber so leicht und einnehmend, daß niemals das unangenehme Gefühl von triefendem Emo-Kitsch aufkommt. Zwar gibt es emotionale Momente und hin und wieder muß man sich auch eine Träne verdrücken. Insgesamt darf der Zuschauer aber eher mitfiebern, als in ein wehleidiges Lamento auszubrechen. Sean Penn ist einfach wunderbar in seiner Rolle als eingeschränkter Mensch, dessen Liebe keine Schranken kennt. Diesen Lebenskünstler, der sich gegen alle Widerstände durchs Leben kämpft, kann man einfach nur ins Herz schließen. Dakota Fanning ist trotz ihrer Omni-Präsenz in den letzten Kinojahren immer noch goldig und wird wahrlich nicht zu Unrecht besetzt. Michelle Pfeiffer sieht man ohnehin viel zu selten, denn auch sie weiß mit ihrem Wechsel von hyperaktiver Powerfrau zur entfremdeten Gattin und Mutter voller verzweifelter Traurigkeit einmal mehr zu überzeugen.
Auch die anderen Aspekte dieser filmischen Umsetzung sind stimmig. So bleibt die Kamera stets nah an den Figuren, ohne jedoch aufdringlich zu werden. Die durchweg gecoverten Beatles-Songs geben hoffnungsvolle Impulse und fügen sich angenehm in den Gesamteindruck. Alles in allem ein schöner Film, dessen Wirkung nur dadurch getrübt wird, daß zahlreiche andere Streifen die selbe Aussage auch schon in adäquate Bilder gepackt haben. Letzlich ahnt man, wie das Drama aufgelöst wird und die Überraschungen oder originellen Momente halten sich in Grenzen. Darum nur 7,5 von 10 Punkten.
Anmerkung: Obgleich es langsam wirklich nervt, kann ich schon wieder nicht umhin, mich über diesen mehr als unangemessenen Sendeplatz zu ärgern (nach Mitternacht im Dritten). In der eingangs fantasierten Veronica-Ferres-Version wäre diese Geschichte wohl um 20:15 im Ersten gelaufen - mit Traumquote. Warum man dieser anspruchsvollen Inszenierung eines Themas für die ganze Familie hingegen keine bessere Chance gibt, bleibt ein Rätsel.
Buddy, der WeihnachtselfEine zahme Weihnachtskomödie, die mit Will Ferrell in der Titelrolle zwar perfekt besetzt ist (durch ihn wird Buddy in gleichem Maße schräg, überdreht und liebenswert), letzten Endes aber ohne bemerkenswerte Knall-Effekte bleibt. Der Film schaut sich locker weg, bringt einen irgendwie auch in sanfte Weihnachtsstimmung und hat sogar ein zwei Schmunzler (dabei ist die englische Tonspur vorzuziehen, da sonst auch noch die wenigen kleinen Ulks, wie
"cotton-headed ninny-muggins" , verloren gehen). Ansonsten bleibt aber nichts haften, was sich in irgendeiner Form zum traditionellen Weihnachtskult entwickeln könnte. Kann man eigentlich nur aus einem Grund in jedem Jahr wieder ansehen: 12 Monate später hat man die wenig ertragreiche Handlung um die allzu schnelle Wandlung des viel zu lieben Scrooge-Ersatzes (James Caan als Buddys leiblicher Vater) wahrscheinlich komplett vergessen. Wirklich schade finde ich, daß die recht originelle und putzige Idee, Knetfiguren mit echten Schauspielern interagieren zu lassen, nur eine unbedeutende Fußnote bleibt. Buddys possierliche Nordpol-Freunde erfüllen im Grunde keinerlei Zweck.
Wegen all dieser Schwächen glauben auch nur sechs von zehn Menschen noch immer an den Weihnachtsmann.
Spun - Leben im RauschGemessen am Gesamt-Output Hollywoods gibt es eigentlich gar nicht so viele im Drogenmillieu angesiedelte Filme. Ich dürfte außerdem wahrlich nur einen Bruchteil davon gesehen haben. Und doch hat sich die gesamte Thematik für mein Empfinden bereits derart abgenutzt, daß es wirklich schwer fällt, noch etwas Neues beizutragen. Durch die respektable Besetzungsliste (John Leguizamo, Jason Schwartzman, Brittany Murphy, Mena Suvari, Patrick Fugit und Mickey Rourke) und die musikalische Mitarbeit von Billy "Zermantschter Kürbis" Corgan war ich dennoch auf diesen Streifen ge-spun-t. Während der viel zu langen Laufzeit dieser Beschäftigungstherapie für anscheinend nicht ausgelastete Cutter mußte ich mehrfach in der Fernsehzeitschrift nachsehen, ob ich mir nicht versehentlich nochmal
Requiem for a Dream anschaute. Das Fehlen eines erzählenswerten Standpunkts zum drogenzentrierten Leben und allem, was damit in Verbindung steht, erinnerte mich dann aber, daß dem nicht so war. Ich bin es leid, immer wieder "abgefuckte" (das harte Wort paßt hier leider am besten) Junkie- und Dealer-Gestalten zu sehen, die trotz aller Probleme immer noch viel zu cool und gewinnend dargestellt werden. Dazu die immer gleichen Effekte, wie z.B. die beinahe schon klassische Bildfolge "Koks - Nase - verengende Pupille" im Stakkato-Schnitt. Wahrscheinlich fehlt mir einfach der Zugang zu dieser Art Film. Vielleicht ist
Spun aber auch wirklich eine gehaltlose Spielerei, deren Macher allzu krampfhaft versuchen, einen ähnlichen Kultstatus zu erreichen wie ihre Vorbilder (zweifelsohne
Trainspotting und eben
Requiem for a Dream), dabei aber weder über eine interessante Geschichte noch einen echten Standpunkt oder einen glaubhaften eigenen Stil verfügen.
Verschwendete Zeit, in der man höchstens drei von zehn bewußtseinserweiternden Substanzen probiert.
Mann unter FeuerDakota Fanning - schon wieder! Und trotzdem kann man die Kleine nur ins Herz schließen. Wirklich fantastisch, wie sie hier jedermanns Traum-Töchterlein verkörpert und damit die gesamte Basis für die weitere Wirkung des Films schafft. Mit einer weniger guten Kinderdarstellerin würde Denzel Washingtons Rachfeldzug unglaubwürdig und bliebe eine dümmlich-hohle Gewaltorgie. So aber leidet man mit über den Verlust der Ersatz-Tochter und ist, erschreckender Weise trotz seiner gewalttätigen Methoden, immerzu auf Seiten des einsamen Bodyguards. Insgesamt gelingt Regisseur Tony Scott ein überraschend packender Film, dessen trickreiche Umsetzung gerade noch vorm Überstilisieren halt macht. Obwohl Schnitt und Musik manchmal drohen, die Dramatik und Tragik des Geschehens unter Coolness zu ersticken, zieht Scott rechtzeitig die Notbremse. Der schwierige Spagat zwischen Actionkracher und anspruchsvoller Rachemär gelingt größtenteils. Der raffinierte Einsatz der Untertitel ist sicherlich Geschmackssache, trägt meines Erachtens aber maßgeblich zur fesselnden Atmosphäre des Films bei. Marc Anthony kann sogar einigermaßen gut schauspielern, wodurch seine Figur schmerzhafte Fragen über durch Zukunftssorgen fehlgeleitetes elterliches Verhalten aufwirft. Neben dem Korruptionsmoloch und dem Rachemotiv nur einer der vielen Diskussionsanstöße, die hier bei aller Mainstream-Ausrichtung tatsächlich geliefert werden.
Für diese insgesamt positive Überraschung bringt man glatt 7,5 von 10 Verbrechern zur Strecke.
Departed - Unter Feinden In Folge eines seltenen Mangels an ausreichend interessierten bzw. zeitlich oder räumlich verfügbaren Begleitpersonen (jaja, die Prüfungszeit hat begonnen) ging ich erstmals seit langem wieder ganz allein ins Kino. Ich habe es nicht eine Minute lang bereut. Denn jetzt kann ich wenigstens mit gutem Recht bei der OSCAR-Verleihung mitfiebern (und konnte es bei den GLOBES, wollte den Film unbedingt vorher sehen, was ich noch geschafft habe). Nicht nur Mitleid und Sympathie für Regielegende Martin Scorsese bestimmen dann mein Daumendrücken, sondern ehrliche Anerkennung für eine neuerliche Glanzleistung.
Denn Scorsese gelingt abermals ein Geniestreich, wenngleich das Meisterwerk diesmal ungleich kleiner ausfällt als die gigantösen Vorgänger,
Gangs of New York und
Aviator. Vielleicht muß man
Departed nicht zwingend auf der großen Leinwand sehen, denn trotz einiger beeindruckender Bilder von Kameramann Michael Ballhaus konzentriert sich hier alles auf die Darsteller und ihre Wirkungskraft. Gesehen haben sollte man diesen Film aber auf jeden Fall. Unendlich könnte ich nun ausholen und die Schauspieler ausnahmslos euphorisch loben. Nicholson ist und bleibt eine Klasse für sich. Damon, Wahlberg, Baldwin und Sheen sind ebenfalls erste Liga. Und über Leonardo DiCaprio kann ich nur wiederholen, was ich seit einigen Jahren immer wieder runterbete: Von ihm haben wir noch einiges ganz Großes zu erwarten! Auch wenn dieser Vergleich beiden nicht wirklich gerecht wird, liegt er allein wegen der Scorsese-Connection nahe: Wenn einer der neue de Niro sein kann, dann DiCaprio.
Die Story ist gut, durchweg spannend und fehlerlos umgesetzt. Mit einem anderen Ensemble wird daraus jedoch nur ein solider Cop-Thriller (vgl.
Infernal Affairs? habe das Original noch nicht gesehen, es aber für die nächsten Tage fest eingeplant). Die Leinwandpräsenz all dieser Größen hebt diesen Film über den Standard. Das ist pures Spaß am Spiel. Hinter jedem Satz, jeder Geste und jedem Gesichtsausdruck tun sich hier größere Welten auf, als in tausenden Stunden Seifenoper-Darstellungen. Wunderbarer Lichtpunkt in all den Abgründen und Seelen-Qualen: Vera Farmiga als empfindsame Polizeipsychologin.
Obwohl in vielen Kritiken immer wieder Bezüge zu Scorseses klassischen Gangsterepen,
Goodfellas und
Casino, konstruiert werden - sicherlich nicht ganz unberechtigt -, beweist
Departed in meinen Augen doch, daß sich der Regisseur weiterentwickelt hat. Viel leichter, weniger epochal, sondern weitaus bodenständiger präsentiert sich die Geschichte um die komplementären jungen Polizeianfänger. Dadurch sollten auch Zuschauer, die mit den Kult-Klassikern des Meisters wenig anfangen konnten (sprich: Frauen

), hier leichter einen Zugang finden. Handwerklich souverän, visuell aufpoliert und doch weniger ausgewalzt und übergroß. Zusammen mit dem bis dato besten Scorsese-Soundtrack jedenfalls ein voller Erfolg - wieviele Argumente braucht die Academy noch?
Hier sind tatsächlich 10 von 10 Gangstern in Wirklichkeit Polizeispitzel.