"Das nimmst du sofort zurück! Die zweite Staffel von Heroes ist nicht Scheiße!"Der Weltraum, unendliche Weiten… Mit diesen Worten begann 1966 eine Science-Fiction-Serie, die alles für immer verändern sollte. Bei ihrer ersten Ausstrahlung bald abgesetzt, wurde sie jedoch schnell zum Kult und dürfte wohl das erste popkulturelle Phänomen sein, welches eine solch treue Gemeinde von ergebenen Fans hervorgerufen hat und vier Spin-Offs und zehn Filme nach sich zog. Der letzte
Star Trek-Film mit der ironischen Namen "Nemesis" entpuppte sich als Flop und sorgte dafür, dass die Franchise für mehrere Jahre auf Eis lag. Nun hat sie
Lost- Erfindern J.J. Abrams aus der Stasis befreit und begibt sich zurück in die Zukunft. Dabei nimmt er, wie bereits die letzte Trek-Serie
Enterprise, den Prequel-Weg.
So lernen wir die beliebten Figuren der Originalserie in ihren Anfängen kennen, nämlich als Mitt- bis Endzwanziger an der Raumakademie. Die Idee ist genau genommen ein alter Hut und wurde schon zwei Jahre nach Start der Serie von Erfinder Gene Roddenberry als Möglichkeit für einen Kinofilm erwähnt. Anders als die neuen
Star Wars-Filme, die peinlich darauf bedacht sind, keine Widersprüche mit der ursprünglichen Trilogie entstehen zu lassen (und es trotzdem tun), benutzt Abrams diese Idee jedoch für einen kompletten Neuanfang und sprengt den erdrückenden Ballast des bisher angesammelten Kanons im wahrsten Sinne des Wortes in die Luft.
Der Zuschauer lernt also Kirk (Chris Pine), Spock (Zachary Quinto), Pille (Karl Urban) und die restliche Crew neu kennen. Dank der Zeitreise des rachsüchtigen Romulaners Nero (Eric Bana) im wahrscheinlich hässlichsten Raumschiff aller Zeiten wird jedoch die bekannte Entstehungsgeschichte der Enterprise-Crew ordentlich durchgeschüttelt. Nero kommt nämlich geradewegs aus der Zukunft und schert sich nicht um die Einhaltung der obersten temporalen Direktive, als er einen Pfad der Verwüstung im Trek-Universum hinterlässt. Dadurch lernen sich die verschiedenen Crew-Mitglieder auf deutlich andere Weise kennen als man das erwartet hätte.
So wird Kirk als draufgängerischer Rebell gezeigt, welcher der Raumflotte nur betritt, um es dem amtierenden Enterprise-Captain Pike zu zeigen. Und Spock, den wir in seiner Jugend auf Vulkan sehen, macht im Grunde dasselbe mit dem hohen Rat der Vulkanier, der trotz Emotionslosigkeit an Rassismus zu leiden scheint. Der etwas ältere McCoy wiederum ist nur von der Partie, weil er aufgrund einer teuren Scheidung pleite ist. Nicht gerade die strahlenden Helden einer utopischen Zukunft. Und genau dort sieht man die Stärke eines J.J. Abrams. Denn sowohl seine Serien als auch seine Filme leben von den fantastisch geschriebenen Figuren. So schafft er es, Spocks inneren Konflikt zwischen seiner vulkanischen und seiner menschlichen Hälfte, die im Laufe der Serie entwickelt wurde, innerhalb kürzester Zeit zu skizzieren und gibt Kirk, der zumindest in der Serie wenig Tiefe besitzt, deutlich mehr Motivation für seine Handlungsweise. Während Zachary Quinto sehr der Verkörperung Nimoys zu folgen scheint (angesichts eines weiteren Charakters im Film nur logisch) schafft es Chris Pine die Figur Kirks von der Verkörperung durch William Shatner zu lösen und seine ganz eigene Interpretation zu schaffen. Ähnliches gilt auch für Karl Urban, der McCoy noch zynischer erscheinen lässt als DeForest Kelley. Aber auch die Nebenfiguren Sulu (John Cho), Uhura (Zoe Zaldana), Chekov (Anton Yelchin) und Scotty (Simon Pegg) bekommen mindestens eine Szene, in welcher sie nicht nur als Stichwortgeber glänzen können.
Doch soviel Aufmerksamkeit für die Protagonisten hat zwangsläufig auch einen negativen Effekt, der natürlicherweise den Antagonisten befällt. So ist Nero leider nur ein eindimensionaler Schurke mit Schaum vor dem Mund, dessen einzige Motivation Rache zu sein scheint und auch das nur in einer sehr schwammigen Version. Schade, denn damit wurde Eric Bana, eigentlich ein grandioser Charakterdarsteller, völlig verschenkt. Auch ansonsten gibt es einige Kritikpunkte zu bemängeln. So sind die Actionszenen zwar großartig inszeniert und auch getrickst, aber bei der optischen Umsetzung hat sich Abrams für meinen Geschmack zu sehr von der Schüttelkamera-Ästhetik der
Bourne- und neuen
Bond-Filme beeinflussen lassen. Auch wenn es nicht die unerträglichen Ausmaße von
Ein Quantum Trost annimmt, trübt diese Entscheidung ein ums andere Mal das Sehvergnügen. Zusätzlich benutzt Abrams immer wieder Linsenreflektionen außerhalb der Kamera. Dies illustriert zwar die strahlende Helligkeit seiner Zukunftsvision, bisweilen übertreibt er es damit allerdings auch etwas. (
Und gibt es sogar selbst zu.) Schließlich wirken außerdem einige der Plot-Entwicklungen arg konstruiert.
Es ist allerdings wieder einmal ein Zeugnis für Abrams Talent als Geschichtenerzähler, dank dem er nicht zu Unrecht inzwischen als neuer Spielberg gefeiert wird, dass er trotz dieser Mankos einen Film abliefert, der ausgezeichnet funktioniert, unglaublich unterhält und alles in allem einfach nur Spaß macht. Ihm gelingt damit etwas ganz Ähnliches wie Christopher Nolan mit
Batman Begins - Er definiert eine Franchise neu, ohne dabei deren Wurzeln zu verraten. Im Gegenteil, trotz aller Neuerungen bleibt er im Kern Roddenberrys Version sogar treuer als so manch anderer der
Star Trek-Filme. Für Trekkies gibt es außerdem mehr als genug Anspielungen und Zitate für den fröhlichen Nerdgasmus zwischendurch, ohne dabei neue Fans, die der Film sicher gewinnen wird, wie vorherige Inkarnationen mit Techno-Babble zu vergraulen. Damit kann nun auch Abrams neue, generalüberholte Enterprise beruhigt auf ihre nächste Mission starten und in Galaxien vorstoßen, wo nie zuvor ein Mensch gewesen ist.
Star Trek fliegt mit 8,5 von 10 Warp ins Unbekannte.