Selbsttest am Dönergrill: Gammelfleisch-Fahnder gehen an ihre GrenzenEs ist sicher nicht übertrieben zu behaupten, daß wir Glen Morgan und James Wong (zusammen mit Chris Carter) die wohl beste Fernsehserie der 90er Jahre verdanken. Ihre Drehbücher und Verfilmungen unter den
Akte-X-Episoden gehören zum Besten, was die Serie zu bieten hatte und waren noch lange nach ihrem Weggang prägend. Nach dem unverdienten Flop ihrer fantastischen eigenen Serie
Space: Above & Beyond (bei uns als
Space 2063 etwas erfolgreicher im Programm als in den Staaten), die dem Sci-Fi-Genre im Fernsehen neue Impulse zu geben vermochte, wurde es zunächst still um die Beiden. Aber im Jahr 1999 meldeten sie sich umso fulminanter auf der großen Leinwand zurück.
Final Destination schwamm auf der erfolgreichen Welle der Teeniehorrorfilme, wobei er die meisten Mitbewerber schnell hinter sich ließ. Der Film bestach durch eine neue Idee (dem Verzicht auf einen sichtbaren Psychopathen als Mörder) und eine überaus effektive Mischung aus subtilem Grauen, deftigen Schockmomenten und schwärzestem Humor. Trotz der tadellosen Inszenierung (bereits der Vorspann ist stilsicher in Szene gesetzt und auch viele Kameraeinstellungen und Ausleuchtungen übertrafen mitunter die schönsten Akte-X-Schauermomente) begeisterte der Streifen in erster Linie ein Publikum unter 20 Jahren, das vor allem an den expliziten Todesmomenten Gefallen finden konnte. Der Tod als ironisch überspitztes Katastrophenszenario, das wußte zu unterhalten. Der wirkliche Dienst, den Morgan und Wong dem Genre erwiesen hatten, blieb unterschätzt.
So wurden die beiden für die Fortsetzung nicht mehr benötigt, da sich diese vollkommen auf immer verrücktere "freak accidents" konzentrierte. Zwar bietet dieser Film in bester Nachfolge des Erstlings wohl einen der grausigsten Autounfälle der Filmgeschichte, die Story wurde aber ebenso plattgewalzt, wie die meisten der filmischen Opfer. Da halfen auch die lustlos eingestreuten pseudo-philosphischen Exkurse und eine mysteriöse Totengräber-Figur nicht viel.
Final Destination 2 war durch und durch Fortsetzung, die auf die simplen gewinnversprechenden Elemente des ersten Teils setzte anstatt in irgendeiner Form Neues hinzuzufügen.
Für die dritte Bearbeitung des Themas war zu erwarten, daß sich diese Entwicklung fortsetzen würde. Die Tatsache, daß der zweite Teil gerade wegen der noch krasseren Todesarten bei der Zielgruppe sogar als noch kultiger und sehenswerter eingestuft wurde, ließ gar nichts anderes zu. Als ich jedoch erstmals las, daß das Dream-Team meiner TV-Jugend, Morgan und Wong, hier wieder selbst das Steuer in die Hand nehmen sollte, keimte Hoffnung auf.
Diese wurde beim gestrigen WG-DVD-Abend leider enttäuscht.
Eins vorweg, der Film ist nicht schlechter als Teil 2 und die Reihe scheint noch lange nicht in so katastrophale Bahnen abzugleiten, wie die in eher peinlichen Videopremieren verendeten
Eiskalte Engel oder
Wild Things. Dank der guten Darsteller und niemals billig wirkender Bilder (auch wenn diese nie an die Qualität des Originals heranreichen) ist der Film recht solide geraten. Irgendwie eine schlechte Fortsetzung auf hohem Niveau, wie wir es schon von
Scream kennen. Alles immer einen Tick schlechter als vorher. Schon die Eröffnungssequenz ist diesmal müder und nicht annähernd so bombastisch, wie der Flugzeugabsturz des Erstlings oder der Autobahnalptraum des Sequels (selten wirkte eine Achterbahnfahrt langsamer und die Pannenverkettung ist dermaßen überzeichnet, daß der Unfall eher lächerlich erscheint als zu schocken).
Nun könnte ich akzeptieren, daß die Reihe nach dem ersten Teil eine etwas weniger düstere Richtung eingeschlagen hat und sich mehr als Mainstream-Splatter-Spaß für ein jugendliches Publikum zu etablieren versuchte. Das Thema gibt diese Schwerpunktlegung auf jeden Fall her. Allerdings braucht es für einen guten Film trotzdem ein gewisses Maß an motivierender Handlung. Diese wirkt bei
FD3 leider hochgradig albern und verstrickt sich schon nach wenigen Minuten in zahllose Logikfehler. Die alle aufzuzählen, würde bedeuten, den gesamten Film in einer einzigen Aneinanderreihung von Spoilern komplett nachzuerzählen. Falls Ihr den Film schon kennt, hier nur einige Beispiele.
SPOILER!!! Zum Lesen markieren!
Abgesehen von der Tatsache, daß die Achterbahn anscheinend aus einem Bastelbogen zusammengefrickelt wurde und sich deshalb gleich in sämtliche Bestandteile auflöst, wird eine Videokamera als einer der entscheidenden Unfall-Auslöser präsentiert. Dumm nur, daß der Unfall auch noch passiert, nachdem der Besitzer der Kamera wegen der Schreckensvision mit aus der Bahn gestiegen ist.
Die ganze Idee, daß die Fotos Hinweise auf die Todesursache geben, wird nie zufriedenstellend erklärt und beinhaltet obendrein eine weitere massive Ungereimtheit: Wie kann Ian McKinley der Todesauslöser für Wendy sein, wenn er doch eigentlich vor ihr sterben sollte? Wodurch wäre ihr Tod zustande gekommen, wenn sie ihn im Baumarkt nicht gerettet hätte? Es ist doch anzunehmen, daß ihr Foto deshalb genauso ausgesehen hätte, der Hinweis also der Gleiche gewesen wäre!?
Neben diesem unverständlichen Unsinn im Detail werden auch die großen Fragen komplett ignoriert. Wenn Personen, die dem Tod einmal von der Schippe sprangen, später in einem riesigen Unfall sterben, werden dabei auch andere Anwesende getötet? Wären die im universellen Plan des Todes jetzt überhaupt schon dran gewesen oder hat der Sensenmann da einfach ne Ausnahme gemacht?
SPOILER-ENDE.
Die "Häh???"s werden während des Ansehens jedenfalls immer größer, was den Filmgenuß mächtig trübt. Anstatt aber irgendwelche Fragen zu beantworten, verliert sich der Film völlig im Blutbad, was ihn außerdem jeder Mystik beraubt.
Besonders durch die immer monströsere Verkettung von höchst merkwürdigen Umständen, die letztlich zu einem gar grauenvollen Tode führen, wird dem Film jedes übernatürliche Moment genommen. Waren die unsichtbaren Mächte des Todes im ersten Teil in jeder Sterbeszene deutlich spürbar, erinnert
FD3 nur noch an eine perfide Spielart der "Incredible Machine" (ein kultiges altes PC-Spiel, bei dem in jedem Level durch ausgetüftelte Verkettung einzelner Elemente ein besonderes Ziel erreicht werden mußte). Das ermüdet auf Dauer und läßt jeden frischen Wind vermissen.
Für eine Fortsetzung wäre es wahrlich sinnvoller gewesen, sich ganz auf die Mythologie zu konzentrieren und endlich mal die Grundfragen der Idee zu erkunden. Warum darf man seinen Tod nicht verhindern? Immerhin überleben jeden Tag irgendwelche Menschen schlimme Unfälle und leben dann noch jahrzehntelang weiter. Warum haben die jeweiligen Hauptfiguren überhaupt diese Visionen? Ist dem Tod langweilig und er will ein wenig spielen oder stecken gute Mächte dahinter? All das könnte der Ausgangssituation endlich etwas neues abgewinnen, wird aber niemals auch nur angedeutet. Viel zu sehr wird ausschließlich der Bluthunger der Zuschauer bedient, was zwar anfangs noch zu angewidertem Grinsen führt, dann aber doch zunehmend für Langeweile sorgt.
Zumindest beim reiferen Publikum.
So würde der Film in meiner Gunst gänzlich abschmieren, gäbe es auf der DVD nicht eine Zusatzoption, die hervorragend zur Grundidee paßt und wirklich zu amüsieren versteht. Mittels der "Bestimme Ihr Schicksal"-Version des Films, darf der Zuschauer an verschiedenen Stellen entscheiden, wie es weitergehen soll. Muß der Todeskandidat sterben? Wollen wir mehr über einen Sachverhalt erfahren? So können unterschiedliche Fassungen des Films gesehen werden, die durch zusätzliche Szenen, andere Blickwinkel oder gänzlich veränderte Handlungselemente ein anderes Licht auf die Handlung werfen. Zwar sollte niemand ein komplett neues Seherlebnis erwarten. Eine Berücksichtigung aller Entscheidungsoptionen und Weggabelungen wäre in diesem Falle sicher zu viel verlangt (selbst die besten Point-&-Click-Adventures für den PC konnten immer nur eine beschränkte Auswahl vorgeben, immerhin soll irgendwann ein vernünftiges Ende erreicht werden). Diese Spielart des interaktiven Films weiß aber zu unterhalten. Nicht zuletzt wegen der schönen Integration der düsteren Jahrmarktsatmosphäre innerhalb der Auswahlbildschirme. Des weiteren merkt man deutlich, daß bereits während der Produktion fürs Kino an eine solche Option gedacht wurde. Wenn man den Film in der Kinoversion kennt, macht dieser neue Blick im Rahmen der Möglichkeiten einer eher günstigen Sequel-Produktion jedenfalls mächtig Spaß.
Es retten sich somit 6 von 10 Achterbahninsassen gerade noch rechtzeitig aus dem Todesgefährt.
Wären sie ohne DVD-Version allein auf den Film angewiesen, schafften es womöglich nur viereinhalb Leute, dem Tod zu entrinnen.